Unser Dorf
Das Unterdorf: Wie aus zwei Mühlen ein Ortsteil wurde

Eigentlich ist das Unterdorf beiläufig entstanden und relativ spät. Dort wo heute Bahnhof, Rosenplatz oder Schwarzwaldhalle liegen, war über Jahrhunderte hinweg Überschwemmungsgebiet. Niemand wollte hier freiwillig siedeln. Erst als der Mensch gelernt hatte, die Natur mit Technik zu beherrschen, wuchs auf den Wiesen am Ufer des Forbachs das Unterdorf. Aber dieses hat nie so richtig zu einer eigenen Persönlichkeit gefunden. Anders als das Oberdorf hat es keine Kirche, keinen Dorfplatz, kein Rathaus. Diese Gebäude sind von alters her Dreh- und Mittelpunkt eines Dorfes.

Während das Oberdorf erblühte, standen dort, wo heute das Unterdorf liegt, lange nur zwei Mühlen. Diese hatte man in vorigen Jahrhunderten meistens an den Ortsrand ausgelagert. Zum einen brauchten sie Wasserkraft zum Antrieb ihrer Mahlwerke. Zum anderen waren Mühlen ständig feuergefährdet. Immer wieder kam es zu Staubexplosionen, die alles in Flammen aufgehen ließen. Die Brandanfälligkeit der Mühlen war so berüchtigt, dass Eduard Mörike das Gedicht „Der Feuerreiter“ darüber verfasste:

Sehet ihr am Fensterlein
dort die rote Mütze wieder?
Nicht geheuer muß es sein,
denn er geht schon auf und nieder.
Und auf einmal welch Gewühle,
bei der Brücke, nach dem Feld!
Horch! das Feuerglöcklein gellt:
Hinterm Berg,
hinterm Berg,
brennt es in der Mühle!

Im 19. Jahrhundert kam der Eisenbahnbau nach Baiersbronn. Eine Gleisstrecke braucht einen halbwegs flachen Geländeverlauf. Diesen gab es nur im Tal. An den Gleisen entstand der Bahnhof, daneben wurde ein Bahnhofshotel gebaut.

Das Unterdorf um 1880: Die Bahn ist noch nicht gebaut. Auch die Freudenstädter Straße existiert noch nicht. An der Forbachstraße stehen nur vereinzelt Häuser. Quelle: E. Martl AK Jürgen Morlok.
Das Unterdorf um 1880: Die Bahn ist noch nicht gebaut. Auch die Freudenstädter Straße existiert noch nicht. An der Forbachstraße stehen nur vereinzelt Häuser.
Quelle: E. Martl AK Jürgen Morlok.

In vielen Orten entstanden so neue Viertel um den Bahnhof. Diese wurden in der Regel im Laufe der städtebaulichen Entwicklung mit den bestehenden Ortskernen verknüpft. Doch die Hanglagen Baiersbronns ließen dies nicht zu. Stattdessen wuchs das neue Viertel nach Bedarf aber ohne Struktur vor sich hin. Parallel zur Bahnverbindung entstand um die vorletzte Jahrhundertwende die heutige Durchgangsstraße. Bis dahin führte die Hauptverkehrsader über die Alte Reichenbacher Straße vom Oberdorf Richtung Klosterreichenbach. Über die Forbachbrücke beim Gasthaus Krone gelangte man Richtung Mitteltal.

Dass die neu geplante Trasse entlang der Bahnlinie 100 Jahre später nicht mehr nur Ochsenkarren und Pferdefuhrwerken genügen musste, sondern Autos, Lastwagen, Radfahrer und Fußgänger nebeneinander Platz finden sollen, hatte damals noch keiner bedacht. Auch nicht, wie man der Siedlung, die unterhalb des Oberdorfs auf der anderen Seite der Straße wuchs, eine Struktur verleihen sollte.

Das Unterdorf blieb ein Ort, der nicht so richtig wusste, wer er ist. Das Identitätsgefühl Baiersbronns war im Oberdorf zu Hause. Bis zum Zweiten Weltkrieg gab es den Begriff Unterdorf überhaupt nicht. Lediglich die einzelnen Parzellen hatten Namen wie Altaue, Altmühle, Dorfsägmühle oder Murgbrücke. Der Name Baiersbronn stand für das Oberdorf, das damals einfach Dorf genannt wurde. Straßennamen erhielt Baiersbronn erst im Dritten Reich, als die Nazi-Diktatur kontrollierbare Strukturen durchsetzte und Straßen mit Hausnummern einführte.

Das Unterdorf wuchs, wie es gerade notwendig und nützlich war. Eine Mischung aus Gewerbegebiet, Landwirtschaftsfläche und Wohnsiedlung. Dort wo heute der Rosenplatz ist, war ein großes Hofareal des Gasthauses Rose. Die Familie betrieb auch einen sogenannten Vorspanndienst. Pferde- und Ochsengespanne wurden zur Verstärkung an Fuhrwerke verliehen, um die steile Wegstrecke hinauf nach Freudenstadt bewältigen zu können.

Das Unterdorf um 1890 Quelle: KG+Partner, ISA
Das Unterdorf um 1890
Quelle: KG+Partner, ISA

Mit der fortschreitenden Verkehrsentwicklung wurde das Unterdorf in den nächsten 100 Jahren immer mehr zu einem zweiten Zentrum Baiersbronns. Die Forbachstraße wurde besiedelt. Zu den alten Mühlen kamen Gebäude, die lange Zeit die Geschichte und den Ort des Unterdorfs prägten. Das Café Klumpp zum Beispiel, oder die Alte Krone. Als die Ära der Fuhrwerke vorbei war, wurde aus dem Rosenplatz irgendwann ein Bolzplatz. Bis er in den Neunziger Jahren seine heutige Bebauung erhielt.

Das Unterdorf um 1953 Quelle: KG+Partner, ISA
Das Unterdorf heute
Quelle: KG+Partner, ISA

Der Einzelhandel wanderte nach und nach vom Oberdorf ins Unterdorf ab. Dann entstanden vor den Toren des Ortszentrums Einkaufsviertel und der Einzelhandel wurde auch im Unterdorf zunehmend weniger. Heute sucht das Unterdorf seine neue Rolle. Nach Jahrhunderten der zweckbestimmten Entwicklung soll eine Zukunftsvision für den Ortsteil entstehen die nicht nur an Nützlichkeit orientiert ist. Das Unterdorf ist zu einem Ortszentrum von Baiersbronn geworden. Das soll künftig auch in der Gestaltung spürbar werden. Damit das Unterdorf ein Ort wird, der einen eigenen Charakter hat und der den Bedürfnissen der Bürger gerecht wird.


Was ist das Unterdorf und wer sind die Menschen darin? In den kommenden Wochen gibt es im Blog regelmäßige Beiträge zu Plätzen, Menschen und Gebäuden aus dem Unterdorf. Über Ihre Meinungen und Kommentare freuen wir uns.

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